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Mitteilung

2.000 Menschen beim CSD. Und die Frage, was daraus politisch folgt.

18.05.2026

2.000 Menschen beim Flensburger CSD. Das ist erstmal eine richtig starke Zahl.

Ich war gestern da, und es ist schon schön zu sehen, wie viele Menschen in Flensburg für eine vielfältige Gesellschaft auf die Straße gehen. Nicht irgendwo abstrakt, nicht als nettes Symbolfoto, sondern hier, in unserer Stadt. An der Hafenspitze, in den Straßen, zwischen bekannten Gesichtern, politischen Freund*innen, Initiativen, jungen Menschen, älteren Menschen, queeren Menschen, Allies, Familien, Vereinen, Leuten, die vielleicht jedes Jahr dabei sind, und Leuten, die sich vielleicht zum ersten Mal getraut haben.

Und gerade in Flensburg bedeutet so eine Zahl etwas. Rund 2.000 Teilnehmende wurden in diesem Jahr gezählt: eine Rekordbeteiligung. Das Motto „Vielfalt ist unser Hafen“ passte dabei fast zu gut zu dieser Stadt, die immer ein bisschen von Grenze, Bewegung, Ankommen, Minderheiten, Mehrsprachigkeit und Zwischenräumen lebt. Der CSD war Teil der Rainbow Days, die in diesem Jahr vom 27. April bis 21. Mai mit über 40 Veranstaltungen stattfanden — Lesungen, Workshops, Austauschtreffen, Kultur, Begegnung, Beratung, Sichtbarkeit. Also nicht nur eine Demo, sondern eigentlich ein ganzer Monat Stadtgesellschaft.

Und trotzdem merke ich, dass ich nach so einem Tag nie einfach nur euphorisch bin.

Vielleicht, weil ein CSD immer beides ist. Er ist Feier, ja. Aber er ist eben auch Erinnerung daran, dass gefeiert werden muss, was für andere selbstverständlich scheint. Dass Menschen immer noch auf die Straße gehen müssen, um zu sagen: Ich bin hier. Ich bin nicht falsch. Ich bin nicht eure Provokation. Ich bin Teil dieser Stadt.

Das Datum selbst erzählt ja schon diese Ambivalenz. Der 17. Mai ist IDAHOBIT, der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit. Er erinnert daran, dass die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität am 17. Mai 1990 aus der Liste psychischer Krankheiten gestrichen hat. Das ist historisch gesehen nicht lange her. Und vielleicht erklärt das auch, warum Fortschritt sich manchmal so widersprüchlich anfühlt: Für manche ist queere Sichtbarkeit heute angeblich schon „zu viel“. Für andere ist sie überhaupt erst seit wenigen Jahrzehnten halbwegs möglich.

Ich glaube, diese Gleichzeitigkeit muss man politisch ernster nehmen.

Denn ja: 2.000 Menschen auf dem CSD sind ein Zeichen von Stärke. Aber sie sind auch ein Hinweis darauf, wie groß das Bedürfnis nach Schutz, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit ist. Wer glaubt, ein CSD sei nur Party, hat nicht verstanden, wie viel Mut manchmal schon darin liegt, sichtbar zu sein. Gerade in einer Zeit, in der queere Menschen wieder stärker zum Ziel politischer Kulturkämpfe gemacht werden.

Bundesweit ist die Entwicklung ziemlich eindeutig. Für 2024 wurden 1.765 politisch motivierte Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung und 1.152 aufgrund geschlechtsbezogener Diversität registriert. Die Zahl der Hasskriminalität insgesamt ist 2024 deutlich gestiegen. Und auch wenn solche Statistiken nie das ganze Bild zeigen, weil viele Vorfälle gar nicht angezeigt werden, sagen sie genug, um nicht mehr so zu tun, als sei Queerfeindlichkeit ein Randproblem.

Auch Schleswig-Holstein ist davon nicht ausgenommen. Im Land wurden 2024 insgesamt 105 entsprechende Straftaten registriert, 2023 waren es noch 68. Das Innenministerium sprach im Landtag von einem besorgniserregenden Anstieg und zugleich von einem großen Dunkelfeld. Die erfassten Taten reichen von Beleidigung und Volksverhetzung bis zu Sachbeschädigung und Gewaltdelikten; auch Taten im Internet werden berücksichtigt.

Und dann ist da eben Flensburg.

Flensburg ist nicht nur die Stadt mit 2.000 Menschen beim CSD. Flensburg ist auch die Stadt, in der 2024 kurz vor dem CSD mehrere Regenbogenbanner gestohlen und verbrannt wurden. 2025 wurden erneut kurz vor dem CSD Regenbogenbanner zerstört; der Staatsschutz ermittelte. Das muss man nicht größer machen, als es ist. Aber man darf es auch nicht kleiner reden. Wer Regenbogenbanner zerstört, greift nicht Stoff an. Er greift Sichtbarkeit an. Er greift das Gefühl an, dass queere Menschen in dieser Stadt selbstverständlich vorkommen dürfen.

Genau deshalb war der 10-Punkte-Plan gegen Queerfeindlichkeit so wichtig. Nicht, weil damit plötzlich alles gelöst wäre. Sondern weil er die richtige Richtung markiert hat: Unterstützung queerer Treffpunkte, Stärkung von Beratungsstrukturen, ein jährlicher Bericht zu Queerfeindlichkeit, ein Online-Meldetool, die Identifikation von Angsträumen, Sensibilisierung städtischer Mitarbeitender, mehr Fördermittel, queere Bildungsarbeit, Stadtbibliothek, Tourismus, Jugendgruppenleitungen. Also im Kern: weg vom reinen Symbol, hin zu kommunaler Infrastruktur.

Für mich ist das der entscheidende Punkt: Queere Sichtbarkeit braucht kommunale Infrastruktur.

Eine Regenbogenflagge am Rathaus ist wichtig. Wirklich. Ich finde diese Debatte manchmal auch ermüdend, weil so getan wird, als seien Symbole etwas Oberflächliches. Für Menschen, die lange gar nicht sichtbar sein durften, sind Symbole nicht oberflächlich. Sie sagen: Du kommst hier vor. Diese Stadt sieht dich. Diese Stadt versteckt dich nicht.

Aber Symbole dürfen nicht der Endpunkt sein. Eine Flagge schützt niemanden auf dem Heimweg. Eine Rede ersetzt keine Beratung. Ein Foto vom CSD hilft keinem Jugendlichen, der zu Hause Angst hat, sich zu outen. Ein Bekenntnis zu Vielfalt ist gut — aber es muss irgendwann in Zuständigkeiten, Geld, Verfahren, Schutzkonzepte und konkrete Angebote übersetzt werden.

Ein wichtiger Schritt ist deshalb das neue Online-Meldetool „Flensburg schaut hin“, das seit März 2026 dauerhaft im Stadtgebiet genutzt werden kann. Dort können Vorfälle anonym gemeldet werden — auch queerfeindliche Übergriffe, Belästigungen, Diskriminierungen oder beobachtete Vorfälle. Ziel ist ausdrücklich, das Dunkelfeld sichtbarer zu machen und daraus gezielte Schutz- und Präventionsmaßnahmen abzuleiten. Das Tool ersetzt keine Anzeige bei der Polizei, aber es kann sichtbar machen, was sonst unsichtbar bleibt.

Genau hier liegt für mich die nächste Aufgabe.

Wir dürfen den 10-Punkte-Plan jetzt nicht als erledigt betrachten, nur weil er beschlossen wurde und einzelne Bausteine laufen. Eigentlich muss jetzt die zweite Phase beginnen: Aus einem Maßnahmenpaket muss eine dauerhafte kommunale Sicherheits- und Sichtbarkeitsstruktur werden.

Das klingt erstmal verwaltungsmäßig. Aber im Kern ist es sehr politisch.

Ich würde mir wünschen, dass Flensburg in Verbindung mit dem Kampf gegen Queerfeindlichkeit künftig jedes Jahr einen echten Queer-Sicherheits- und Sichtbarkeitsbericht vorlegt. Nicht als Papier für die Ablage, sondern als ehrliche Bestandsaufnahme: Was wird über das Meldetool gemeldet? Welche Orte werden als unsicher erlebt? Welche Formen von Queerfeindlichkeit tauchen auf — Beleidigung, Bedrohung, körperliche Gewalt, Sachbeschädigung, Online-Hetze, Diskriminierung in Einrichtungen? Welche Altersgruppen sind betroffen? Welche Angebote werden genutzt? Wo fehlen Beratungsstrukturen? Wo braucht es bessere Beleuchtung, andere Stadtplanung, Präsenz, Prävention, Jugendarbeit, Schulprojekte, Fortbildungen?

Flensburg hat dafür eigentlich schon Vorarbeit geleistet. Das Projekt „Sich sicher fühlen – sich frei bewegen“ wurde 2018 entwickelt, um Angsträume sichtbar zu machen. Damals konnten Einwohner*innen unsichere Orte per Postkarte oder digital melden; rund 200 Rückmeldungen wurden sortiert, geclustert und an Fachbereiche weitergegeben. Daraus entstand eine Übersicht, die für Planungen genutzt werden konnte. Genau diese Logik müsste jetzt konsequent queer erweitert werden: Sicherheit nicht nur polizeilich denken, sondern räumlich, sozial, präventiv, alltagsnah.

Denn Angst entsteht nicht nur da, wo Straftaten passieren. Angst entsteht auch da, wo Menschen erwarten müssen, allein zu sein. Wo ein Ort schlecht beleuchtet ist. Wo Gruppen dominieren, die einschüchtern. Wo Jugendliche wissen, dass sie sich besser nicht outen. Wo queere Menschen lernen, bestimmte Wege, Gesten oder Kleidungsstücke zu vermeiden. Wo man nicht anzeigen geht, weil man denkt: Bringt ja eh nichts. Oder weil man keine Lust hat, sich noch einmal erklären zu müssen.

Eine Stadt, die Vielfalt ernst meint, muss genau dort hinschauen.

Deshalb ist aus meiner Sicht klar: Flensburg braucht einen verbindlichen kommunalen Queer-Sicherheitsplan.

Nicht als neues Symbolpapier. Sondern als jährlicher Kreislauf: melden, auswerten, berichten, handeln, überprüfen. Zusammen mit Flensbunt, pro familia, SCHLAU, Aidshilfe, Schulen, Hochschulen, Polizei, Gleichstellungsbüro, Jugendhilfe, TBZ, Stadtplanung, Kultur, Sportvereinen, Club- und Gastronomieszene. Nicht jede Stelle muss alles machen. Aber alle müssen verstehen, dass Queerfeindlichkeit nicht nur dann ein Thema ist, wenn kurz vor dem CSD Banner brennen.

Vielleicht ist das auch der Punkt, der mir politisch immer wichtiger wird: Eine Stadt ist nicht dadurch vielfältig, dass sie sich so beschreibt. Sie wird es dadurch, dass sie die Bedingungen schafft, unter denen unterschiedliche Menschen wirklich frei leben können.

Das gilt für queere Menschen. Das gilt für Minderheiten. Das gilt für Menschen mit Rassismuserfahrungen. Das gilt für Frauen, für Menschen mit Behinderung, für arme Menschen, für Jugendliche, für Menschen, die nicht in jede Normalitätsvorstellung passen. Freiheit ist kommunal oft sehr konkret. Sie hängt an Bushaltestellen, Jugendzentren, Beratungsstellen, Toiletten, Beleuchtung, Sprache, Ansprechpersonen, Fördermitteln, Kulturorten, Schulprojekten, Verwaltungspraxis und manchmal auch an der Frage, ob eine Stadt bereit ist, sich schützend vor Menschen zu stellen, wenn andere sie wieder unsichtbar machen wollen.

2.000 Menschen beim CSD zeigen, dass Flensburg viel weiter ist, als manche glauben.

Aber die zerstörten Banner, die steigenden Zahlen, das Dunkelfeld und die Erfahrungen vieler queerer Menschen zeigen eben auch: Es reicht nicht, einmal im Jahr sichtbar zu sein. Sichtbarkeit muss geschützt werden. Sonst wird sie für manche zum Risiko.

Ich finde, Flensburg hat hier eine besondere Verantwortung. Nicht, weil wir perfekt wären. Sind wir nicht. Sondern weil wir als Grenzstadt, Minderheitenstadt und Stadt mit einer starken Zivilgesellschaft eigentlich wissen müssten, dass Demokratie nicht nur Mehrheitsentscheidung ist. Demokratie zeigt sich auch daran, wie sicher Minderheiten leben können.

Der CSD war ein starkes Zeichen.

Jetzt muss daraus politische Verbindlichkeit werden.

Nicht irgendwann. Nicht erst, wenn wieder etwas passiert. Sondern jetzt: den 10-Punkte-Plan weiterführen, das Meldetool ernsthaft auswerten, Angsträume queer mitdenken, Beratungs- und Bildungsarbeit verlässlich finanzieren und jedes Jahr öffentlich sagen, wo Flensburg steht — ehrlich, konkret, überprüfbar.

Denn „Vielfalt ist unser Hafen“ ist ein schönes Motto.

Aber ein Hafen ist nicht nur ein Ort, an dem man sichtbar ankommt. Ein Hafen ist auch ein Ort, der Schutz geben soll.